Ich habe Racial Profiling und sexuelle Belästigung erlebt. Auch deswegen ist die Debatte um die Kölner Silvesternacht schwierig für mich.

„Wenn du wissen willst, ob es in Deutschland Racial Profiling gibt, frag nicht weißen Journalist_innen. Frag Betroffene.“ – ich schätze diese Aussage von Hanning Voigts, der zur Debatte um Köln einige erwähnenswerte Artikel teilt. Und ich teile da grundsätzlich seine Meinung. Aber es ist nicht nur eine Debatte um Racial Profiling. Es ist auch eine um sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft. Haben sich am Abend des 31.12.16 gezielt Männergruppen verabredet um Frauen zu belästigen? Diese Frage konnte der Polizeipräsident Jürgen Mathies noch nicht beantworten. Und wenn es so war, wie kann der Rechtsstaat Frauen beschützen, ohne auf Racial Profiling zurückgreifen zu müssen?

Ich war nie Betroffene sexualisierter Gewalt. Ich möchte mir nicht anmaßen für die Frauen zu sprechen, denen letztes Jahr Gewalt widerfahren ist. Doch ich wurde- wie wahrscheinlich leider fast jede Frau- schon oft sexuell belästigt. Ich kenne das beklemmende Gefühl von Schutz- und Machtlosigkeit, diese Ohnmacht und Wut. Wut auf eine Gesellschaft, die mich für mein Geschlecht bestraft. Die es Männern erlaubt, mir in der Disco an den Arsch zu fassen, mir hinterherzupfeifen, die mich in meiner Kleidungswahl verunsichert. Zu kurz? Zu aufreizend? Zu viel Make up? Zu alkoholisiert? Mit zu vielen Männern geflirtet? Das nennt sich Rape Culture.

Ich ging letztes Jahr durch den Frankfurter Hauptbahnhof, als mich ein Mann bedrängte. Ich verpasste ihm nach mehrmaligen Auffordern dieses zu unterlassen, in einer Lautstärke die gesunden Ohren wehgetan haben muss, eine Ohrfeige. Niemand half mir, nur verhaltenes Kichern war zu bemerken.

Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das alle betrifft, es ist nicht nur eines von jungen Männern, die nun mal „Schwarzkopfs“ sind. (Dass dabei nicht nur Männer mit Wurzeln aus nordafrikanischen Ländern gemeint sind, sondern generell Typen, die als „muslimische Kanaks“ gelesen werden, sollte mittlerweile auch jedem Menschen klar sein.)

Doch es erreicht eine andere Dimension, sollte es sich bewahrheiten, dass sich hunderte Männer gezielt getroffen haben um Frauen Angst zu machen, in dem Versuch diese zu erniedrigen, ein Massenverbrechen an sexualisierter Gewalt zu verüben. Sollte dies wirklich zutreffen, muss es eine Untersuchung geben, welche Faktoren dabei eine Rolle gespielt haben. Und wenn ein patriarchal-islamisches Rollenbild ein entscheidender Faktor war, dann sollte auch dieses diskutiert werden.

Der belastendste Punkt an der Kölner Debatte ist: Es scheint nur ein „Entweder-Oder“ zu geben: Entweder man verteidigt das Racial Profiling und schützt die Frauen- oder man schützt Menschen vor Rassismus, vergisst darüber aber die körperliche und seelische Unversehrtheit von Frauen zu schützen.

Die Wahrheit ist: Es wird noch einiges an Zeit vergehen und dann wird genau untersucht werden müssen, was passiert ist. Zu diesem Zeitpunkt soll und muss über Polizeiaktionen, Racial Profiling und Rape Culture geredet werden. Es kann bitter werden. Es wird in jedem Fall Kraft und Besonnenheit erfordern.

Mir wird schlecht, wenn ich mich an Discotheken erinnere, die mich glasklar wegen meines Aussehenes nur mit zeitlicher Verzögerung oder in einem Fall auch überhaupt nicht hineingelassen haben. Als Mann wäre mir das sicherlich noch einige Male öfter passiert. Ich empfinde eine Aversion gegen die Bundespolizei, die mich natürlich „GANZ ZUFÄLLIG“ in „STICHPROBEN“ immer wieder gezielt am Flughafen hinauszieht. Das hinterlässt Spuren und macht wütend. Es wurde in den letzten Tagen oft von einem „Nutzen“ geredet, wenn es um Racial Profiling ging. Ok, wir haben den Nutzen diskutiert. Doch nicht das ganze Ausmaß des Schadens. Wie viele Leute fühlten sich so weit in eine Ecke gedrängt, weg von der Gesellschaft, vielleicht hinein in die Arme von Islamisten? Ich weiß es nicht. Auch das sollte untersucht werden. In jedem Fall hinterlässt so etwas Narben. Eine Gesellschaft, ein Rechtsstaat sollte genau überlegen, ob es das wirklich wert ist. Darum geht es auch im Kern. Wie wollen wir leben? Nicht so. Das ist die Essenz, die sich durch das gesamte mediale Echo hinweg nachlesen lässt.

 

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2 Gedanken zu “Ich habe Racial Profiling und sexuelle Belästigung erlebt. Auch deswegen ist die Debatte um die Kölner Silvesternacht schwierig für mich.

  1. „Es scheint nur ein „Entweder-Oder“ zu geben“

    Mir ist bisher nirgendwo jemand untergekommen, der was gegen Racial Profiling hat, aber nichts zum Schutz von Frauen unternehmen möchte. Dieser Eindruck scheint mir komplett einseitig von der Racial-Profiling-ist-okay-Seite zu kommen und ein reines Strohmann-Argument zu sein.

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